„Halt aus, mein Herz“ – die Irrfahrt des Odysseus als Weg der Selbsterkenntnis
Ein Lege-Workshop mit Christopher Weidner in 20 Stationen.
Der Name
Der Name des Odysseus trägt zwei Richtungen und nicht eine: den, der grollt, und den, dem gegrollt wird. Beide stehen im Text, wobei Autolykos dem Enkel den Namen gibt, weil er selbst vielen gram gewesen ist, während Athene im ersten Gesang den Zeus fragt, warum er dem Mann so zürne. Der Dichter entscheidet nicht, und wer diesen Namen trägt, trägt beides.
Wo bei Homer gedacht wird
Wo dieser Groll sitzt, sagt Homer ebenfalls, und er sagt es anders, als wir es sagen würden. Bei ihm denkt niemand mit dem Kopf. Was ein Mensch erwägt, fürchtet und aushält, sitzt unter dem Brustbein, dort, wo man atmet, und Erwägen und Fühlen sind an dieser Stelle ein einziger Vorgang. Am dichtesten wird dieses Vokabular in den Gesängen, in denen Odysseus längst zu Hause ist und noch nicht handeln kann.
Im zwanzigsten Gesang liegt er wach im eigenen Vorraum und hört die Mägde lachen, die zu den Freiern hinübergehen. Dann heißt es, das Herz habe ihm drinnen gebellt, wie eine Hündin über ihren schwachen Jungen steht und einen Fremden anbellt. Er schlägt sich an die Brust und redet mit ihm: Halt aus, mein Herz, du hast schon einmal Hündischeres ausgehalten.
Das Herz blieb ihm gehorsam und hielt aus. Er selbst aber wälzte sich hin und her.
Wie gelegt wird
An diesem Nachmittag legt jeder für sich, mit dem mantischen Mittel seiner Wahl. Die Stationen sind für alle dieselben und kommen in derselben Reihenfolge, von Troja bis zu einem Bett, dessen einer Pfosten ein Ölbaum ist, der schon dastand, bevor das Haus um ihn herum gebaut wurde. Was an einer Station zu sehen ist, zieht jeder selbst. Zwanzig Positionen, zwanzig Ziehungen, und zu jeder eine einzige Frage.
Das gezogene Zeichen beantwortet diese Frage nicht, sondern hält sie auf. Was zwischen der Frage und dem, was vor einem liegt, entsteht, ist die Antwort, und sie steht am Ende im eigenen Heft und nicht auf der Karte. Vorkenntnisse im Deuten sind deshalb nicht nötig: Wer sein Mittel kennt, arbeitet damit, wie er es gewohnt ist, und wer es nicht kennt, arbeitet mit dem, was er sieht.
Die Fahrt geht dabei nach unten. Sie nimmt weg und fügt nichts hinzu: zwölf Schiffe, dann eines, dann keines; alle Gefährten; den Namen, den er vor dem Kyklopen aufgibt und zu spät zurückruft; zuletzt die Gestalt. Er kommt an, wie der Fluch es wörtlich verlangt hat, spät und schlimm und auf einem fremden Schiff. Die Frage, die an jeder Position wiederkehrt, lautet deshalb nicht, was gewonnen wird, sondern was hier abgelegt ist und was übrig bleibt, wenn es weg ist.
Die Fäden
Keine der zwanzig Stationen steht für sich. Homer verbindet sie durch wörtliche Wiederholung, so dass derselbe Satz an zwei Stellen etwas anderes bedeutet: Dieselbe Verteilungsformel steht in Ismaros und in der Höhle des Kyklopen, und derselbe Vers steht einmal in einer Warnung und einmal in einem Aufruf zum Frevel. Der Workshop folgt diesen Fäden, statt eigene zu erfinden. Und wo einem an zwei Stationen dasselbe Zeichen in die Hand kommt, ist ein Faden entstanden, den niemand gelegt hat.
Die verdeckte Station
An einer der zwanzig Stationen wird blind gezogen und nicht angesehen. Kirke beschreibt dem Odysseus zwei Wege und tut dabei, was sie sonst nie tut: Welcher davon seiner sei, sagt sie ihm nicht. Er wählt den einen; der andere bleibt vollständig beschrieben und unbefahren. Das Zeichen für diesen Weg liegt den Rest des Nachmittags verdeckt daneben, und was am Ende damit geschieht, sieht niemand außer dem, der es gezogen hat.
Wie gesprochen wird
Gesprochen wird in kleinen Gruppen, in denen jeweils zwei antworten und ein Dritter zuhört und anschließend zurückgibt, was er gehört hat. Die Rolle wandert von Station zu Station. Homer liefert sie mit, denn bei den Lotosessern schickt Odysseus zwei Gefährten und einen Herold aus, dessen Amt es ist, Nachricht zurückzubringen — was dieser dann nicht tut, aber davon an anderer Stelle.
Für wen, und wofür nicht
Der Workshop setzt die Sendereihe voraus. Wer „Die Odyssee in zwölf Tagen“ gehört hat, kennt die Stationen und braucht keine Nacherzählung; wer neu dazukommt, rechnet mit rund acht Stunden Hörzeit und findet die Playlist am Ende dieser Seite. Ohne diese Grundlage trägt der Nachmittag nicht, weil die Querverbindungen nur laufen, wenn die frühere Station noch gegenwärtig ist.
Was hier nicht stattfindet, gehört genauso dazu: keine Deutung der Odyssee, keine feste Bedeutung, die einem Ort zugeschrieben wird, und keine therapeutische Bearbeitung. Der Nachmittag handelt von Groll, von Rache und von dem, was unterwegs verlorengeht, und er löst nichts davon auf; im Saal des zweiundzwanzigsten Gesangs wird nicht vergeben, und das Legemuster tut auch nicht so.
Was bleibt
Was am Ende bleibt, ist die eigene Bahn aus zwanzig Zeichen und ein Heft mit zwanzig Zeilen, von denen jede eine eigene ist. Und ein Satz aus dem zwanzigsten Gesang, den zum Schluss niemand erklären wird.
Termin und Rahmen
- Samstag, 29. August 2026, 13 bis 18 Uhr
- Online über Zoom, mit Pausen
- Sechs bis fünfzehn Teilnehmer
- EUR 60.-
Was mitzubringen ist
Das eigene Mittel — Tarot, Lenormand, Orakelkarten oder Runen, was vertraut ist. Zwanzig Ziehungen an einem Nachmittag setzen ein Verfahren voraus, das schnell geht; das I Ging mit Münzen oder Schafgarbe ist dafür zu langsam. Bei Sets ab sechsunddreißig Zeichen bleibt jede Ziehung liegen, so dass am Ende die ganze Bahn vor einem ausliegt. Bei kleineren Sets, etwa einer Runenreihe, wird jedes Zeichen notiert und zurückgelegt, und die Bahn entsteht im Heft.
Das Heft kommt einige Tage vorher per Mail und will ausgedruckt sein. Papier statt Bildschirm, weil während der Stationen geschrieben und später darin zurückgeblättert wird. Gebraucht werden außerdem eine Fläche, auf der zwanzig Zeichen Platz haben, und fünf Stunden, in denen niemand ins Zimmer kommt.
Zur Playlist der Reihe: Die Odyssee in zwölf Tagen

