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Geomantik: die vergessene Kunst des Erdorakels

Manche Künste geraten nur an einem Ort in Vergessenheit, während anderswo niemand sie je vergessen hat. Die Wahrsagung aus dem Sand, sechzehn aus Punkten geformte und als Zeichen gelesene Figuren, ist ein solcher Fall. Was kehrt wieder, wenn eine Kunst wiederkehrt, und was war überhaupt je weg?

Geomantik nenne ich eine sehr alte Divinationstechnik, die aus Punkten im Sand oder auf Pergament insgesamt sechzehn Figuren formt, die dann als Zeichen gelesen werden. Geläufiger war lange der Name Geomantie; weil ich das mantische Element stärker betonen wollte, habe ich für die Orakelkunst das Wort Geomantik gewählt. Die Sendung vom 4. Juni 2026 geht nicht nur der Frage nach, was diese Kunst des Erdorakels ist, sondern auch, warum sie über die Jahrhunderte in Vergessenheit geriet, und warum selbst das nur eine Frage der Perspektive ist.

Der Weg einer vergessenen Kunst

Die Geomantik, von der hier die Rede ist, hat mit dem, woran die meisten beim Wort Geomantie heute denken (Erdkraftlinien, Feng Shui), wenig zu tun. Gemeint ist eine Kunst der Wahrsagung aus dem Sand, geboren in der arabischen Welt als ilm al-raml, die Wissenschaft des Sandes, und über die Übersetzer des zwölften Jahrhunderts nach Europa gelangt. Ihr Weg führt von Hugo von Santalla, der das Verfahren noch mit dem reinsten Sand beginnen lässt, über Agrippa und Fludd, die es in das Entsprechungsdenken der Renaissance einbinden, bis zu dem Punkt, an dem Descartes der ganzen Denkform den Boden entzieht. Wiederbelebt wurde sie erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Orden der Golden Dawn, während sie in Nordafrika und weit darüber hinaus nie verschwunden war.

Tod und Wiedergeburt des Erdorakels

Die Wissenschaft des Sandes: geboren wurde diese Kunst also mit dem Anspruch einer Wissenschaft. Das arabische ilm al-raml stellte sich neben ältere Formen der Wahrsagung, die mit Geistern arbeiteten, und setzte an deren Stelle Zahl, Figur und Berechnung; eine Figur war hier zunächst nur ein Zeichen, kein Wesen.

Denn auf dem Weg über das Maghreb und Spanien nach Europa wird sie an jeder Station neu übersetzt. Die Figur Rubeus bleibt dem Mars verbunden, doch ihr Tierkreiszeichen wandert von den Zwillingen über den Krebs zum Skorpion, je nachdem, wer auf sie blickt. Und wo die arabischen Gelehrten die Figuren eher wie Buchstaben lasen, beginnt die lateinische Renaissance, mit ihnen zu sprechen wie mit einem Gegenüber: Agrippa verknüpft Planetengeister, Kabbala und Punktierkunst, sodass jede Figur unter die Herrschaft einer Intelligenz und eines Geistes gerät, wobei die Intelligenz Gutes will, der Geist die dunkle Seite verkörpert. So kehrt das Wesen, das die Sandkunst einst durch Zahl und Figur ersetzt hatte, in eben diese Figuren zurück.

Das Ende kommt nicht durch Widerlegung. Gianfrancesco Pico nennt die Kunst 1520 unvernünftig, weil ihr ein klares Ordnungsprinzip fehle, und Descartes‘ Trennung von Geist und Materie entzieht wenig später dem ganzen Denken in Entsprechungen, auf dem die Geomantik ruht, den Boden; das Erdorakel wird nicht widerlegt, sondern unmodern und damit uninteressant.

Wiederbelebt wird sie im neunzehnten Jahrhundert aus dem Bedürfnis heraus, dem akademischen Wissen ein bewusstes Gegenwissen entgegenzuhalten. Alles, was dem hermetischen Grundsatz entsprach, nach dem alles miteinander verbunden ist und daher symbolisch aufeinander verweisen darf, wurde in spirituellen Kreisen gepflegt; neben Astrologie und Tarot feiert auch die Geomantik ihre Renaissance, etwa im Hermetic Order of the Golden Dawn. Vergessen war sie da aber nur von einem einzigen Schreibtisch aus, dem europäischen, denn in Nordafrika, auf Madagaskar und über den Atlantik hinweg ist sie nie verstummt. Was also kehrt wieder, wenn eine Kunst wiederkehrt? Vielleicht bleibt über alle Stationen hinweg nur das nackte Punktmuster gleich, während Name, Himmel und Geist sich jedes Mal neu ausrichten.

So gesehen hat auch unsere Zeit das Recht, einen eigenen, ihr gemäßen Zugang zu den sechzehn Figuren aus dem Sand zu entwickeln. Dieser Praxis widmet sich die anschließende Reihe auf unserem Tarot- und Orakel-Kanal.

Wo ich in der Sendung falsch lag

Für alle, die die Sendung gesehen haben, eine Berichtigung; für alle anderen eine verbreitete Verwechslung:

Pico. Der Vorwurf von 1520, die Geomantik sei unvernünftig, stammt von Gianfrancesco Pico della Mirandola, dem skeptischen Neffen, nicht von Giovanni, dem Onkel der Rede über die Würde des Menschen. Der frühe Angriff kam also von einem Renaissance-Skeptiker, der mit den Mitteln der antiken Skepsis gegen alle Wahrsagung schrieb, womit der Vorwurf der Unvernunft kein Ausrutscher ist, sondern die skeptische Wende, die Descartes um mehr als hundert Jahre vorausgeht.

Neue Spuren und Ergänzungen

Nicht alles, was zur Sache gehört, hatte in der Sendung Platz; manches fiel erst während der Aufnahme auf, anderes erst danach. Drei dieser Spuren seien hier nachgetragen.

Die alchemistische Dimension

Rubeus heißt das Rote, Albus das Weiße, und damit tragen die beiden Figuren dieselben Wörter, mit denen die Alchemie zwei Stufen ihres Werkes benennt: die albedo, die Weißung, in der die Materie gereinigt erscheint, und die rubedo, die Rötung, in der das Werk an sein Ende kommt. Eine geomantische Figur ist darum keine alchemische Phase; die Verwandtschaft liegt im Wort und im Farbdenken der Zeit, das Verfahren teilt sie nicht. Sie geht ohnehin nur halb auf, denn die rubedo meint die Vollendung, den roten König am Ziel, wohingegen Rubeus den umgestürzten Becher meint, das vergossene Blut, den unheilvolleren Mars, sodass dasselbe Rot, so lässt es sich lesen, in entgegengesetzter Stimmung steht.

Ifá — das Wahrsagesystem der Yoruba

Woher die Sandkunst kam, blieb in der Sendung offen. Bei den Yoruba in Westafrika steht mit dem Ifá ein Wahrsagesystem, das ebenfalls mit sechzehn Hauptzeichen und einer binären Logik arbeitet, sodass sich eine Familienähnlichkeit aufdrängt. Ob die eine Kunst von der anderen gelernt hat oder beide auf eine ältere, verlorene Quelle zurückgehen, weiß niemand. Doch Ifá ist nicht Geomantik; es ist eine eingeweihte Tradition mit eigener Götter- und Bedeutungswelt, von der fast nichts in die Sandkunst übersetzbar ist. Die Ähnlichkeit liegt in der Form der sechzehn Vierergestalten und reicht kaum in den Inhalt. Vielleicht ist auch hier die ehrlichste Antwort, dass die Form gewandert ist, während der Sinn an jedem Ort neu entstand.

Der Geomant als opifex

Bei Hugo von Santalla heißt der Geomant nicht Magier und nicht Priester, sondern opifex, der Werker, der Handwerker; das Wort hat nichts Heiliges. Dasselbe Wort aber nennt bei Giovanni Pico in der Rede über die Würde des Menschen den Schöpfer, den opifex der Welt. So lässt sich der Geomant, der seine Figuren aus einer unwillkürlichen Berührung des Sandes hervorbringt, in eine leise Linie mit dem Demiurgen stellen, dem Werker, der die Materie formt: einer, der mit einer Geste, die er nicht steuert, etwas vollzieht, das einem schöpferischen Akt nahekommt. Ob Hugo das mitgedacht hat, sagt der Text nicht; die Spur bleibt eine Lesart.

Spuren & Quellen

  • Hugo von Santalla, Ars geomantiae (12. Jh.) — die erste lateinische Übersetzung; sein „reinster Sand“ bindet die spätere Buchkunst noch an die ältere Geste.
  • al-Zanati (Maghreb) — die maßgebliche frühe Autorität, deren Tradition in Nordafrika fortlebt und das Wort „vergessen“ widerlegt.
  • Agrippa, De occulta philosophia — verschweißt Planetengeist, Kabbala und Punktierkunst, sodass die Figur zum Sitz eines benannten Wesens wird.
  • René Descartes, Meditationes — die Trennung von denkender und ausgedehnter Substanz, die dem Entsprechungsdenken den Boden entzieht.
  • Golden Dawn (ab 1888) — die Wiederbelebung als Gegenwissen; Crowley bindet die Figuren an die Gnomen, die Geister der Erde.

 

Einladung zur Geheimnispost

Der Wind verweht die Punkte im Sand, und das Verfahren ist trotzdem geblieben. Wenn dich solche Bewegungen interessieren, wie etwas verschwindet und doch weiterlebt, dann bist du in der Geheimnisakademie richtig. In der Geheimnispost schicke ich in unregelmäßigen Abständen die nächste Spur: einen Gedanken, der noch nicht fertig ist, einen Hinweis auf das, woran ich gerade lese. Es geht dabei weniger ums Verpassen als ums Weiterdenken und ums Nahebleiben. Trag dich in die Geheimnispost ein und bleib in der Nähe.

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