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Pelzmärtel: Der dunkle Bruder des heiligen Martin

Sonne, Mond und Sterne

Der 11. November ist nicht nur der Beginn des Karnevals (um 11:11 Uhr), sondern auch traditionell der Martinstag. Schon am Vorabend ziehen Kinder durch die Straßen ihrer Städte und Dörfer, tragen Lampions und Laternen, singen von Sonne, Mond und Sternen und erzählen sich die Geschichte des frommen Soldaten, der an einem bitterkalten Tag im Winter seinen Mantel entzwei schnitt, um ihn mit einem armen Mann zu teilen. Sankt Martin ist der Inbegriff der christlichen Tugend der Liebe.

Bräuche rund um den Martinstag

Kein Wunder, dass der 11. November als Glückstag gilt. Der 10. November war noch im Julianischen Kalender der Winteranfang. Daher betrachtete man die Nacht auf den Martinstag auch als Losnacht, also als Nacht, in der man das Schicksal befragen konnte. Auch Heischebräuche waren vielerorts üblich. Kinder zogen von Haus zu Haus und wurden mit Gaben beschenkt. Da mit dem Martinstag auch eine Fastenzeit eingeläutet wurde, die dann bis Weihnachten eingehalten werden musste, wurden verderbliche Lebensmittel noch verbraucht. Das Martinsmahl, bei dem traditionell eine Gans im Mittelpunkt steht, diente dazu, noch einmal tüchtig zu schlemmen.

Die verräterischen Gänse

Die Martinsgans hat einen legendären Ursprung in der Sage um den Heiligen selbst. Martin, der im 4. Jahrhundert n.Chr. lebte, sollte zum Bischof geweiht werden. Er selbst wollte etwas anderes: ein frommes Leben in Askese führen. Um diesem Ruf zu entkommen, floh er in einen Gänsestall. Das war ein Fehler: Die aufgeregt schnatternden Gänse verrieten das Versteck – und Martin musste sich seiner Berufung stellen. Die Gänse hingegen wanderten auf den Tisch …

Es wird schon finster um und um. –
Der Pelzemärtel geht herum
und sucht nun auf die Kinder.
Da will ich sehen, wie’s euch geht,
wenn er vor unsrer Türe steht
und schaut ins Eck so hinter!

Friedrich Güll

Pelzmärtel: Die dunkle Seite des Martin

Doch Martin wäre kein Winterheiliger, wenn er nicht auch einen dunklen Bruder hätte. Es ist typisch für die in der dunklen Jahreszeit verehrten Heiligen, seien es Männer oder Frauen, dass sie eine Schattenseite haben, einen dämonischen Widerpart. So wie der Nikolaus seinen Krampus hat, hat der heilige Martin den Pelzmartin oder etwas liebevoller Pelzmärtel als Schatten.

Diese Gestalt gibt es vorwiegend in Süddeutschland und dort in protestantisch geprägten Gegenden, zum Beispiel in Mittelfranken, auf der Schwäbischen Alb und im Donau-Ries.

Gabenbringer und Rutenschwinger

Der Pelzmärtel ist zunächst ein Gabenbringer und gleicht darin dem Nikolaus. Er bringt am 11. November den artigen Kindern Geschenke, den unartigen aber liest er die Leviten, genauer gesagt: lässt sie die Rute spüren. Sein Name leitet sich einer Lesart nach von “pelzen” ab, das so viel wie “prügeln” bedeutet.

Die Tradition des Pelzmärtel scheint daher ursprünglich eher strafende Funktion gehabt zu haben. Ihr Ursprung liegt in der Reformation, denn die Protestanten wollten der Verehrung von Heiligen wie Martin und Nikolaus ein Ende setzen. Aber irgendwie wollte man auch nicht auf den erzieherischen Aspekt einer solchen Gestalt verzichten. Auch hatte man das Problem, dass ja der Martinstag der Namenstag des hoch verehrten Luther ist, also irgendwie doch ein bedeutsamer Tag. So blieb der Bezug zum Heilgen Martin ungeachtet aller theologischer Bedenken bestehen. Schließlich begnügten sich die Kinder nicht mit Schlägen, sondern wollten auch Geschenke. So wurde aus dem frommen Martin der Pelzmärtel – und doch noch ein Gabenbringer im Stil des Nikolaus.

Vorbote der Raunächte

Von seiner äußeren Erscheinung her erinnert der Pelzmärtel jedoch eher an einen Knecht Ruprecht und rückt damit in die Nähe der winterlichen Schreckgestalten, zu denen die Perchten und auch der Krampus gehören. Möglicherweise erklärt sich der “Pelz” so gesehen aus diesem Zusammenhang, so wie die Raunächte sich auch von den “Rauhen” ableiten kann, das heißt von den dämonischen Wesen, die raues Fell tragen.

Es wundert daher nicht, dass der Pelzmärtel überhaupt mit den Bräuchen verquickt wurde, die wir aus den Raunächten kennen und rückwirkend zu einem Verwandten von Ruprecht, Krampus und Co. wurde. Als Pelznickel taucht er im übrigen dann doch als Begleiter des Nikolaus auf.

Es schellt und gellt, das Haus geht auf.
Er geht die Stiege schon herauf
mit seinen großen Socken.
Das kollert
und bollert,
das holpert
und stolpert,
doch seid nur nicht erschrocken!
Die Kinder schauen
voll Angst und Grauen
und wagen keinen Schnauf.
Pelzmärtel trappt,
die Klinke klappt,
die Stubentür geht auf …

Friedrich Güll

Wenn die Schatten länger werden …

Kein Licht ohne Schatten. Diese Grunderfahrung liefern die Gestalten der Raunächte, in deren Reigen wir den Pelzmärtel getrost stellen können. So wie die Kinder am Martinstag ihr Lichter wie Sterne auf Erden erstrahlen lassen, wächst mit jedem Tag, den wir uns auf den Mittwinter zu bewegen, auch die Dunkelheit. Und in den länger und länger werdenden Schatten wagen sich nun auch die Dämonen immer näher an unser Behausungen …

Ob nun der Pelzmärtel eine echte Erinnerung an alte Bräuche darstellt oder eine protestantische Variante des Nikolaus sein sollte: Es ist ihr gelungen, sich zu einem dieser archaischen Wesen des Winters zu wandeln, die uns mit unseren eigenen Schatten konfrontiert.

Der Winter aber, hat gerade erst begonnen …

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