Das Mysterium der Rau(h)nächte – Teil 2

Was sind Raunächte eigentlich?

Diese Frage bewegt die Gemüter – und jeder scheint hier ganz genau zu wissen, dass er Recht hat.

Dabei ist die Antwort alles andere als einfach. Zunächst einmal gilt es ja zu klären: Was sind die Raunächte eigentlich? Selbst hier scheiden sich die Geister. Sind es wirklich nur die zwölf Nächte zwischen den Jahren – oder gehören schon bestimmte Nächte im Vorfeld dazu? Was ist mit der Thomasnacht? Oder die Nacht des Nikolaus, an dem ja auch der Krampus kommt? Tatsache ist, dass dies je nach Region völlig unterschiedlich bewertet wird. Und daher kann die Antwort eigentlich nur lauten: Es kommt einfach darauf an, wo man sich gerade befindet.

In unseren bisherigen Beiträgen haben wir uns daher entschieden, eine Unterscheidung zu treffen. Wir nennen Raunächte nur die Nächte zwischen den Jahren und alle anderen möglicherweise auch Raunächte davor “Losnächte” der Vorraunachtszeit. Dieser Begriff rührt hauptsächlich daher, dass in diesen Nächten Orakeltraditionen eine besondere Rolle spielen. Damit muss niemand einverstanden sein, aber wir wollten etwas Ordnung in die Geschichte bringen. (Und warum wir Raunächte sagen statt Rauhnächte kannst du hier nachschlagen: Das Mysterium der Raunächte – Teil 1)

Wann geht es los mit den Raunächten?

Wenn man sich nun darauf beschränkt, die Raunächte als Zeit zwischen den Jahren zu bezeichnen, dann kommt unwillkürlich eine weitere Frage auf: Wann geht es denn los mit diesen Nächten?

Zwei Termine werden favorisiert (und das ist in Wirklichkeit noch nicht alles): der 21.12. als Tag der Wintersonnenwende und der 24.12. als Heiliger Abend. Hier wird erbittert um den Vorrang in Sachen Wahrheit gefochten. Die Argumente der Wintersonnenwenden-Befürworter beruhen in der Regel auf der Annahme, dass ja eben jenes kosmische Ereignis der ursprüngliche Grund für die magischen Nächte gewesen sei. Ein nicht zu vernachlässigendes Argument. Jedoch spricht die Tradition dagegen: in den weitaus meisten Überlieferungen beginnen die Raunächte mit der Nacht auf den 25. Dezember. Die fehlenden drei Tage zwischen Sonnenwende und Raunächtebeginn können ebenso astronomisch erklärt werden: Stefan Brönnle verweist in seinem Blog auf die Magie der drei Tage, die Tage also, die nach der Sonnenwende als Stillstand der Sonne empfunden werden. Erst nach diesen drei Tagen bewegt sich Sonne wieder, der Augenblick der Geburt geschieht.

Wir folgen dieser Tradition in unserem Online-Erlebniskurs, was aber nicht bedeutet, dass wir deshalb wissen, was richtig und falsch ist. Wir empfinden diesen Beginn der Raunächte einfach als stimmiger, zumal nur dann auch das Ende der Raunächte auf die Nacht zum 6. Januar fällt, eine der wichtigsten Nächte der Überlieferung nach, und Silvester (mehr oder weniger) die Mitte der Zwölften bildet.

Und wann beginnt eine Raunacht?

Die Grafik veranschaulicht den Zusammenhang zwischen den 12 Monaten im Jahr und den 12 Raunächten, die eigentlich die Tage sind. Jede Raunacht wird ab dem Sonnenuntergang des Vorabends gezählt wird – und ist bis zum nächsten Sonnenuntergang gültig. Die Zwölften enden mit dem Sonnenuntergang am Vorband des 6. Januar. Die “dreizehnte” Zeit sind, wenn man so will, die Raunächte selbst, in denen sich das Rad der kommenden zwölf Monate im Kleinen spiegelt.

Damit ist das Rätsel um den Beginn der Raunächte aber immer noch nicht durchgestanden. Der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar nicht zwölf Nächte liegen, sondern dreizehn! Das hat natürlich an vielen Stellen zur Verwirrung um die Zählung geführt. Wann beginnt denn jetzt eine Raunacht? Und warum heißen sie Zwölften, wenn es doch dreizehn sind? Insbesondere wenn man jeder Raunacht eine ganz bestimmte Bedeutung zumutet (zum Beispiel indem man sie den zwölf Tierkreiszeichen zuordnet), aber vor allen Dingen der Tradition folgt, dass jeder Raunacht auch ein Monat des kommenden Jahres zugeordnet wird, eröffnet sich ein Problem.

Nun könnte man das lösen, indem man einfach der dreizehnten Nacht eine besondere Bedeutung gibt und dies mit der Magie der Zahl 13 begründet, die natürlich nicht erwähnt werden darf, weshalb man lieber von zwölf spricht. Dabei ist es in Wirklichkeit viel einfacher. Es handelt sich um ein Missverständnis um den Begriff Nacht. Dieser meint der Tradition nach nämlich nicht nur die eigentliche Nacht selbst, also die Zeit der Dunkelheit, sondern den ganzen Tag! So wie wir heute “Tag” nicht nur als helle Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verstehen, sondern als Gesamtheit der 24 Stunden, so begriff man “Nacht” in vielen alten Kulturen, auch denen der Kelten und Germanen, als Gesamtbegriff.  Das rührt daher, dass man den “Tag” nicht mit dem Sonnenaufgang beginnen ließ (oder so wie wir heute mit 0 Uhr), sondern mit dem Sonnenuntergang des Vorabends. Dies ist noch heute so, wenn es um die Feiertage der Heiligen geht. Der “Tag” beginnt also mit der Dunkelheit und hieß darum “Nacht”.

Die zwölf Raunächte sind also die zwölf Tage zwischen dem 24.12. und dem 6. Januar, wobei der 6. Januar selbst nicht mehr dazu gehört. Mit seinem Vorabend am 5. Januar enden die Raunächte. Darum jagen in dieser Nacht noch einmal alle Geister unter der Führung von Frau Holle durch die Lüfte.

Bei allem Versuch, hier Klarheit in die Angelegenheit zu bringen: Die Raunächte sind eine Zeit zwischen den Jahren, zwischen den Dingen, zwischen Raum und Zeit. Es wundert da doch ein wenig, wenn diesem doch so fließend gedachten Übergang zwischen dem Alten und dem Neuen auf einmal mit “richtig” und “falsch” begegnet wird. Wer sich einmal mit dem Wesen von Brauchtum auseinander gesetzt hat, der weiß: Hier gibt es nichts, was bewiesen werden muss. Bräuche sind Ausdruck unserer Verbundenheit mit den Rhythmen der Zeit. Keine Zeit für Dogmen also. So denken wir zumindest.

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